Im Kajak auf dem Colorado durch den Grand Canyon
30. April 1998, 10.00 Uhr:
Eine Gruppe bestehend aus 16 Leuten steht an Meile 0 in Lee“s Ferry. Es ist ein
beträchtliches Materialgebirge angehäuft worden, alles ist bereit zur
Inspektion durch den Ranger.
Inspektion? Ranger? Da dies etwas seltsam tönt in Zusammenhang mit einem
WW-Trip in den USA ein paar Worte zur Erklärung:
Per Präsidentenbeschluss ist der Grand Canyon 1908 zum Nationalpark auf
Bundesebene der USA erklärt worden. Dies bedeutet, dass die strengsten aller
möglichen Schutzbestimmungen zur Anwendung kommen. Die Auflagen stehen im
Gegensatz zum gewaltigen Interesse zur (kommerziellen) Befahrung des Grand
Canyon auf dem Colorado (per motorisierten rafts). Die Folge ist, dass speziell
für unmotorisierte, private Trips sehr lange Wartezeiten bestehen. So wurde
das Bewilligungsgesuch zur privaten Befahrung durch Guus im Jahre 1989 (...)
eingereicht.
Die auferlegten Bestimmungen sind eindeutig und deren Missachtung wird
drakonisch geahndet. Anzahl der teilnehmenden Personen und Länge des Trips
sind genau festgelegt, damit wird verhindert, dass sich zu viele Menschen aufs
Mal im Canyon befinden und damit das empfindliche ökologische Gleichgewicht
zerstören. Das Equipment wird vom Ranger genauestens inspiziert, um eine
aufwendige, helikoptergestützte Evakuierungen aufgrund mangelhafter
Ausrüstung von vornherein auszuschliessen (Lee's Ferry ist für 360 Kilometer
die letzte Möglichkeit mit einem Fahrzeug direkt zum Fluß zu gelangen).
Im weiteren müssen z.B.
geschlossene Toilettensysteme mitgeführt werden oder beispielsweise das
Entfachen selbst von Treibholz ist verboten. Auch ist festgelegt, welche sites
für die Errichtung von Camps gesperrt sind.
Auch aufgrund dieser und weiterer Massnahmen schauen sämtliche der
angefahrenen Camps so aus, als sei man der erste Besucher. Ich habe nirgends
auch nur einen Zigarettenstummel entdeckt.
Seit den 1972 ist das Abflussregime des Colorado künstlich durch den Glen
Canyon Damm stark beeinflusst: über die Mittagsszeit ist der Strombedarf am
grössten, dann wird am meisten Wassers turbiniert und der Wasserspiegel steigt
dann schnell an. Dieser Umstand gilt es immer zu berücksichtigen, wenn
Ausrüstung am Flussufer deponiert wird. Der Colorado lagert seine immense
Sedimentfracht heute im Lake Powell ab; bis zur Einmündung des Little Colorado
kann daher glasklares Wasser erwartet werden. Meist bringt dann der Little
Colorado einen massenhaft tonige Sedimente, welche dann abends den Gaumen
verkleben.
Die Wassertemperatur beträgt im Mai ca. 7 Grad Celsius, mit Long John und
Trockentop war ich genau richtig ausgerüstet. Der Colorado und seine rapids
sind kartographiert, wir sprachen nur noch in Flussmeilen. Die Tage haben wir
bald einmal vergessen, nach den 3. Tag war einfach immer “day 4“. Auch Uhren
brauchte es keine mehr: Es herrschte river-time, d.h. unsere Tage richteten
sich nach dem Tageslicht, Feuern war ja verboten.
Zur Zusammensetzung der 16er Gruppe: Die CH-Delegation bestand aus den
3 KCBW“lern Isabelle, Guus und mir, dazu kamen 3 mehr oder weniger wilde
Holländer und der Rest waren dann die Amis. Jeff und Christine, eigentlich
Outfitter aus Boise (Idaho) schlossen sich als Privatpersonen dem Trip an,
wobei sie praktisch alles benötigte Material und ihr riesiges Know-how
mitbrachten. Christina war es auch, welche einen erstklassigen Menueplan
zusammenstellte, welcher auch den Einkauf und die Zubereitung von insgesamt
864 Menüs beinhaltete. In die rafts wurden riesige cooler, die untere Haelfte
jeweils mit Eis angefuellt, eingeladen. Das Eis hielt ca. 10 Tage lang, gewisse
Fruechte und Gemuese waren die ganzen 18 Tage verfuegbar (z.B. Melonen). Die
steaks (US-size) gabs am 1. Abend. Das kleinste raft wurde als beer&liquor truck
eingesetzt. Kurt oblag es, diese wertvolle Fracht durch die rapids zu steuern.
Insgesamt waren 5 oars-rafts (diese Transportrafts werden von einer einzigen
Person mit einem Paar langen Rudern gerudert) als Materialschlepper und
8 Kajaks mit von der Partie. Bei den Kajaks waren im Einsatz: Outburst
(dagger), Pirouette S, Dancer Pro, Infinity (perception), Hurricane
(Prijon). Die leichten Karbonpaddel (z.B. Milo“s Galasport) bewährten sich
sehr, da oft lange, flache Flusspartien zu bewältigen waren.
Der Colorado im Grand Canyon stellt kein technisches Wildwasser, wie wir es
von den alpinen Flüssen gewohnt sind, dar. Vielmehr ist er völlig unverblockt,
weist jedoch eine ganz massive Wasserwucht auf.
Für mich war die Situation optimal: Die rafts transportierten alles Gepäck,
sodass man unabhängig von externer Infrastruktur wie Auto oder Unterkünfte
war, und ich konnte dennoch unbeschwert mit dem m.E. viel attraktiveren Kajak
fahren. War einem einmal doch nicht nach Kanufahren zumute, liess sich dieses auf
einer der rafts aufbinden und man konnte die Beine baumeln lassen.
Auch ein Tag im Canyon beginnt typischerweise mit dem Aufwachen. Allerdings
ist das
Aufwachen im Grand Canyon etwas Wundervolles: Man hört das Rauschen eines
rapids und sieht gerade die letzten Sterne im aufkommenden Himmelblau
verschwinden. Meist nämlich schliefen wir unter freiem Himmel und bauten die
Zelte gar nicht mehr erst auf. Meist ist die kitchen crew bereits am Werk, und
bald ist die ganze Truppe um den Kaffeepot versammelt. Dazu gibt es oft
pancakes mit marble Sirup. Alle 5 Tage wurde man zur kitchen crew eingeteilt.
Nach ausgiebiger Morgentoilette verschwindet dann überraschend schnell und
zunehmend routiniert die umfangreiche Campausrüstug in den oars-rafts. Die
meist extrem trockene Luft schaffte es spielend über Nacht, den tropfenden
Neopren zu trockenen.
Und dann wird gepaddelt, oft in eigentlichen Flachwasser. Die rapids
dazwischen sind meist wundervoll lang, sodass die urtümliche Kraft des Flusses
bestens zu spüren ist. Alle grossen rapids haben wir vorgängig
ausgekundschaftet.
Im Wasser selbst führte ich mich immer sehr sicher, vor allem nach der
Befahrung der ersten “richtigen“ rapids. Das Schlimmste, was m.E. passieren
kann, ist dass man in eines der absurd grossen Löcher hineingerät und es einem
dabei aus dem Boot saugt und kräftig unter Wasser drückt. Glücklicherweise
blieb uns alles derartiges erspart und die zusammengestellte Apotheke musste
kein einziges mal geöffnet werden.
Die objektiven Gefahren bei einer Befahrung des Grand Canyon lauern eher
ausserhalb des Wassers: Die meisten Unfälle passieren (dies ist statistisch
untermauert), wenn Unbedarfte in den Steilwänden des Canyon herumzuklettern
beginnen. Eine weitere Gefahr bildet die meist unterschätzte, ungeheure
Sonneneinstrahlung: Der Wasserbedarf beträgt dadurch mehrere Liter Wasser pro
Tag, was bei den anstrengenden Wanderungen im Canyon schnell zu
lebensbedrohlichen Problemen führen kann. Dagegen ist die Angst vor den
Klapperschlangen eher übertrieben; die Ranger schreiben nicht ein mal
Schlangenserum für in die Apotheke vor.
Nach ein paar Stunden war dann der lunch break angesagt, oft an Stellen, wo
ein Seitencanyon abzweigt. Darin verbergen sich oft wahre Juwelen in Form von
Felslandschaften. Die gewaltige und fortwährende Erosionskraft der nur
temporär Wasser führenden creeks manifestiert sich am eindrücklichsten in den
Nebencanyons. Es ist wichtig zu wissen, wo sich die schönsten Seitencanyons
verstecken, sonst rauscht man daran vorbei. Wir trafen auch 2
(schmelz)wasserführende creeks an, beide hätten eine technisch anspruchsvolle
Befahrung abgegeben. Vergewärtigt man die verbogene Spitze von Barry“s
Infinity, war sie wohl doch zu anspruchsvoll....
Der Nachmittag verbrachten wir dann wieder auf dem Wasser, z.T. spielend an
einer Surfwelle, Walze oder was immer. Saltos und Kerzen zuhauf.....
Aufgrund des Flussführers war die Klasse der rapids bekannt. Die Klassierung
reicht dabei von 1-10, wobei sie nicht die (technische) Schwierigkeit, sondern
die Wasserwucht sowie die Struktur der Wasserführung anzeigt. Meist verliefen
die rapids nicht regelmässig, sondern wiesen eigentümliche Verwirbelungen auf,
meist verbunden mit kräftigen Pilzen. Die Einhaltung der gewählten Fahrlinie
wurde so teilweise verunmöglicht, da einem die sich plötzlich bildenden Pilze
um mehrere Meter seitlich verschoben. Den gähnenden Löchern resp. den bus
eating holes kam man dann manchmal sehr nahe. Die Schwierigkeiten korrelierten
mit dem Wasserstand. Ich erinnere mich gut, wie wir vor den Lava falls sehr
langsam fuhren. Die rafter fürchteten sich so sehr vor einem flip, dass sich
die Lava falls nur bei Hochwasser der Mittagsspitze befahren wollten. Als
Kajakfahrer kann man sich nur ungefähr in die Situation der oarsmen (& women)
hineindenken. Die oarsman mit ihren grossen rafts hatten sehr grossen Respekt
vor den rapids, da im Falle eines Flips eine aufwendige Bergungsaktion
notwendig geworden wäre. Am hiermit rapid habe ich einen flip eines mit ca.
6 Passagieren beladenen oars-raft mitangesehen, die Passagiere schwammen
danach weit verstreut und sehr lange im eiskalten Wasser. Mit dem Kajak hat
man den grossen Vorteil des Eskimotierens. Mit einer starken hohen und
tiefen Stütze sowie mit einem 100%igen Vertrauen in seine Eskimorolle kann man
selbst in den grossen rapids die härtesten Schläge parieren und in den weniger
grossen rapids seine Spielchen treiben. Beim 217 miles rapid (es befindet
sich, believe it or not, an der Flussmeile 217) musste ich 6mal zur
Eskimorolle ansetzen, bis es endlich funktionierte. Aussteigen und Schwimmen
ist einfach keine Option im Grand Canyon.
Als Ganzes stellt die Befahrung des Colorado mit dem Kajak ein ausserordentlich
grosses Privileg dar. Das Wasser ist dabei nur ein Teil des Eindruckes. Die
stärksten und zuweilen auch beängstigenden Eindrücke vermitteln die gewaltig
aufragenden Felswände, die kein seitliches Ausweichen erlauben. Im Wissen um
ein bevorstehendes rapid der Klasse 10, worauf man unweigerlich zugetrieben
wird, fühlt man sich regelrecht wie gefangen im Canyon. Die Konvektion an
den riesigen Felswänden führt zudem jeweils zu sehr heftigen, böigen
Aufwärtswinden ab dem frühen Nachmittag. Psychische und physische
Erleichterung ist nach erfolgreicher Passage der rapids zu spüren und
beeinflusst dann das Lagerleben abends im Camp. Es kann vorkommen, das ein
gutgehüteter Bushmills einfach so verschwindet.
Abends machten aber auch sehr beeindruckende Schilderungen von
Pionierbefahrungen mit mangelhafter Ausrüstung die Runde, dazu kamen
Erzählungen über frühe Siedler, welche in der sehr lebensfeindlichen Umgebung
hausten. Im trockenen Klima bleiben die wenigen Spuren hervorragend
konserviert.
Viele Flurnamen lassen auf historische Ereignisse schliessen, am soap creek
rapid wurde z.B. bei Powell“s Expedition Seife gekocht. Am Bass camp kampierte
eben Mr. Bass.
Von den 18 Tagen waren 4 layover days, bei denen wir an ausgesuchten Camps
2 Nächte verbrachten. Am layover Tag konnte man ausgedehnte, wunderschöne
Wanderungen z.B. zum Rim unternehmen.
Wir fuhren 226 Meilen weit, dies entspricht rund 365 Kilometer resp 26 km
pro unvergesslichen Tag.
Der beliebteste Drink hiess tequilla, der erfreulichste Song “Barnacle bill
the sailer“, (dicht bedrängt allerdings von “Bolle“), der verrückteste
Holländer heisst Cees, die coolste Passage führte LINKS durch die crystal
rapids, das hässlichste Geräusch war das Rasseln der neben den Schlafsäcken
herumkriechenden Klapperschlangen im mile 222 camp.